Wie Fürth gegründet wurde

 

„Einer fängt´s Erzählen an,

andrer setzt ein Stücklein dran –

und von Mund zu Munde

wandert so die Kunde.“

 

Auf großen Kähnen, die flach im Wasser liegen, fährt König Karl die Rednitz abwärts. Wie immer auf seinen Reisen begleiten ihn auch dieses Mal seine Freunde und Ratgeber. Knechte stehen breitspurig auf den Booten und halten in ihren Fäusten lange Stangen, die sie von Zeit zu Zeit in den Flussgrund stemmen, damit ihr Gefährt in der Strömung bleibt und nicht ans Ufer oder an eine Sandbank getrieben wird. Manchmal schieben sie damit auch das Schifflein kräftig an. Ihre Spieße und Schwerter liegen für alle Fälle griffbereit zu ihren Füßen. Rüstig geht die Fahrt zwischen dem hohen Schilf dahin. Die Sonne ist schon im Niedergehen und immer länger wachsen die Schatten der Uferbäume über den Fluss. Auf ihm gleiten die Kähne in langer Reihe mit der Strömung, einer hinter dem anderen.

Auf dem zweiten Boote sitzt König Karl auf einer niedrigen Holzbank und schaut über das Tal bis in den dichten Mischwald hinein, der an manchen Stellen sogar das Flussufer erobert hat. Sein geübtes Auge erspäht jedes Wild, das sich dort zeigt und angsterfüllt in die finsteren Gründe flieht. Heute blickt der König schon wieder freundlicher, nachdem in den letzten Tagen schwere Sorgen Falten in sein Gesicht gezogen hatten. War doch der Kanalbau zwischen Rezat und Altmühl missglückt. Außerdem waren auch im Sachsenland Aufstände ausgebrochen, die den König weg vom Friedenswerk in den Norden des Reiches in den Krieg riefen. Hatten die Reliquien des Heiligen Sankt Martin und des Heiligen Dionysius, die er stets mit sich führte, ihre Wunderkraft verloren? Wirkte nicht einmal die Mütze des Heiligen Sankt Martin?

Dieselben Gedanken beschäftigen auch den Kanzler des Königs. Er fährt mit dem Herrscher des Frankenreiches im gleichen Boot. Getreulich hat er alles was in den letzten Wochen passierte mit einem Stift auf Pergament aufgezeichnet. Der Plan von Karl war großartig. Die Leute hatten die Kanalstrecke zwischen Rezat und Altmühl vermessen und begannen mit den Erdarbeiten. Aber immer mehr liefen davon, weil die Kanaldämme durch den Herbstregen zusammenrutschten. Und dann kam auch noch die Botschaft von den Sachsenaufständen! Nun sitzen sie also hier in den Kähnen auf der Fahrt nach Würzburg und Frankfurt. Langsam überliest der Kanzler die Chronik und stützt den Kopf in die Hand. Er schließt die Augen und überlegt, was für heute einzutragen wäre.

 

„Keinem scheint es wert und wichtig,

ob auch alles wahr und richtig.

Denn ein bisschen Phantasieren,

hilft die Sage bunt verzieren.“

 

Plötzlich fährt der Kanzler aus seinem Nachdenken in die Höhe. Ein Schrei ertönt vom ersten Boot! Schon steht der Kanzler neben dem König. Beide schauen nach vorne. Geschickt steuern die Knechte das Schiff des Königs zur Seite. Ein Ruck! Da sitzt es neben dem ersten Boot im Sand fest. König und Kanzler schwanken. Sie können sich gerade noch festhalten, sonst wären sie in den Fluss gestürzt. Sofort erkennen sie, dass das nicht gefährlich gewesen wäre, weil eine Sandbank quer durch den Fluss zieht. Die nächsten Kähne können ihre Fahrt zwar verlangsamen, die anderen aber stoßen hart aufeinander.

Wie auf einen Schlag verstummt das Geschrei in der Runde. Alle Blicke richten sich auf den König. Karl schaut auf das seichte Wasser und in die sinkende Sonne und denkt: „Für heute ist die Fahrt zu Ende!“ Jetzt gibt er seine Befehle: „Aussteigen! Zelte aufschlagen!“ Jeder kennt jetzt seine Arbeit.

Ein Teil der Knechte springt ins flache Wasser und zieht mit Stricken und Ketten die Boote an Land. Bald liegen sie in schöner Ordnung nebeneinander am linken Ufer der Rednitz. Gleichzeitig werden auch Wachen rings um das Lager aufgestellt, die für die Sicherheit des Lagers zu sorgen haben. Knechte schleppen die Stäbe und Planen auf ihre Plätze. Schon erhebt sich als erstes das Zelt des Königs. Daneben entsteht die Bleibe für den Hofkaplan. Feierlich trägt der Priester die Reliquienkästchen mit den Erinnerungen an den Heiligen Sankt Martin in sein Zelt. Immer größer wird das Lager, immer mehr zelte werden von fleißigen Händen aufgestellt. Lustige Feuer flackern in der Dunkelheit. Rauch steigt in die Höhe. In den Kesseln über den Feuern kocht das Wasser, an den Spießen braten Wildenten.

Schnell kommt die Nacht mit ihren Sternen. Die Männer sitzen am Lagerfeuer und essen sich satt. Allmählich wird die Unterhaltung leiser. Einer nach dem anderen kriecht in sein Zelt. Nachdem die Wachen abgelöst sind, wird es still. Der Mond schaut auf die Zelte und die verglimmenden Feuer. Der Wald rauscht sein uraltes Lied, leise ziehen die Wellen des Flusses.

„Jeder, der sie nacherzählt,

andre Worte sich erwählt.

Du sollst wie die Märchen fein,

Sage uns willkommen sein!“

 

Die strahlende Sonne lacht am nächsten Tag auf das Lager. Heute hat es wieder ein Plan dem König angetan.

Er lässt zunächst die Sandbank untersuchen, und man entdeckt, dass sich eine Furt quer durch den Fluss zieht. In größerer Breite als sonst fließt hier die Rednitz. Von beiden Ufern führt ein Weg weiter. Im Osten steigt er sofort steil an, im Westen dagegen führt er durch das Tal und strebt erst dann zur Höhe. Der Weg muss viel befahren sein, denn er zeigt frische Wagenspuren. Während die Knechte noch im Wasser waten und der König sich mit seinen Freunden berät, kommen aus dem Talgrund zwei leichte Wagen. Regensburg geben die Kaufleute als Ziel ihrer Reise an. Fast bis an die Bäuche tauchen die Pferde ins Wasser, als sie den Wagen durch die Furt ziehen. Mühsam geht es auf der anderen Seite den Steilhang hinauf. Nun forscht König Karl auf der anderen Seite und entdeckt den zweiten Fluss Pegnitz und auch eine zweite Furt. Dort stehen ein paar Fischerhütten, sonst gibt es in der ganzen Gegend weit und breit keine Häuser!

Jetzt entsteht im Kopf von König Karl ein Plan. „Der Ort ist günstig, der Ort an der Furt“, murmelt er vor sich hin. Hier die Furt und dort die Straße, da eine Kapelle und dort der Königshof. So muss es werden!!! Der König steht am Wasser, das leise plätschert, als wolle es sich auch mitfreuen. Als der König ins Lager zurückkehrt, befiehlt er die Errichtung einer Kapelle. Sie soll da stehen, wo in der Nacht das Zelt des Priesters mit den Reliquien des Heiligen Sankt Martin aufgeschlagen war. Die Kapelle sollte dem heiligen Sankt Martin, dem Schutzpatron der Franken geweiht werden. Wenn Kaufleute vorbeikommen werden, können sie erkennen, dass hier fränkisches Land ist. Außerdem werden sie Knechte, Bauern und Krieger des Königs finden.

König Karl lässt einen Mönch und Knechte an der Furt zurück, bevor er weiterzieht. Sie sollen zuerst die Kapelle des Heiligen Sankt Martin, dann den Königshof errichten. Der König besteigt sein Schiff und winkt den zurückbleibenden Männern zu. Wenn er wieder zur Furt zurückkehren wird, werden ihn im Tal die Martinskapelle und in der Höhe der Königshof grüßen. Das Haus in der Mitte des Königshofes wird aus festem Stein gebaut sein mit zwei Kammern und zwei Ställen. Die anderen Gebäude ringsumher werden aus Holz sein und sind die Wohnungen der Knechte und Scheunen und Vorratskammern, Werkstätten, Küchen und Ställen. Der Hof wird mit einem Zaun umgeben sein und einer Dornenhecke. An den Ecken stehen Wachtürme. Außen zieht ein tiefer Graben. Am Fluss unten wird eine Mühle das Getreide mahlen. Es werden Siedler herbeiziehen und hier wohnen, viele und immer mehr! Unter dem Schutz des fränkischen Königs werden sie sicher sein. König Karl schließt die Augen und sieht bereits die wachsende Siedlung an der Furt: Fürth.

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König Karl von Johannes