Snegurotschka (Schneeflöckchen)

 

                     Russisches Volksmärchen

 

Vor langer Zeit lebte einmal der Bauer Iwan mit seiner Frau Marja. Sie liebten sich und lebten in Freundschaft miteinander. Aber was schlecht war: Sie hatten keine Kinder. Die Zeit verging und somit wurden sie alt. Beide waren traurig vor Kummer und das Einzige, was ihnen Freude bereitete, war andere Kinder anzusehen. Aber nichts zu machen! So ein Schicksal. Eines Tages schneite es im Winter  stark. Die Kinder liefen auf die Strasse und spielten mit dem Schnee. Der Alte mit der Alten nahmen Platz am Fenster, um sich an den Kindern zu erfreuen.

Die Kinder liefen lustig, spielten und begannen danach einen Schneemann zu bauen. Iwan und Marja hatten das gesehen. Da überlegte Iwan und sagte plötzlich zu Marja:

"Was sagst Du, komm, bauen wir auch einen Schneemann!"

Marja freute sich über seine Worte: "Warum nicht? Komm, spielen auch wir ein wenig. Wir wollen aber keinen Schneemann bauen, sondern ein Schneemädchen. Gott hat uns kein lebendiges Kind gegeben, deshalb fertigen wir es uns selbst aus dem Schnee an!"

"Das  ist wahrlich so..."- erwiderte Iwan, setzte seine Mütze auf und ging mit seiner Alten in den Hof.

Dort machten sie sich an die Arbeit. Sie bastelten aus dem Schnee einen Körper mit Armen und Beinen, stellten darauf einen runden Schneeball  und formten einen Kopf.

"Gott sei mit Ihnen. Was macht Ihr?" - fragte irgendein Passant.

  "Danke. Siehst ja selbst... Schneeflöckchen" - antwortete Marja und lachte.

Da machten sie ein Näschen, einen Mund und plötzlich... atmete das Kind warm. Und dann sah Iwan wie sich die blauen Augen von selbst öffneten und auch die roten Lippen, die freundlich lächelten. Da neigte sie den Kopf, als ob sie lebendig wäre, und rührte die Beine und Arme wie ein Kind in den Windeln.

"Was ist das? Kann das wahr sein?" - murmelte Iwan und bekreuzigte sich. "Ach, Iwan, Iwan!" - rief Marja aus und zitterte vor Freude - " Gott hat uns ein Kind geschenkt!"  Da küsste Marja Schneeflöckchen und umarmte sie. 

Der Schnee fiel von dem Mädchen ab, wie die Schale vom Ei, und es blieb wirklich ein lebendiges Mädchen stehen!

"O, meine liebe Schneeflöckchen!" - freute sich Marja unendlich und führte das Mädchen ins Haus. Iwan konnte das Wunder noch gar nicht begreifen und folgte ihnen.

Seitdem lebte Schneeflöckchen bei Iwan und Marja. Sie wuchs schnell und von einem Tag zum andern wurde sie immer schöner. Seit jener Zeit war alles bei ihnen in Ordnung. Das Haus war immer voller Kinder. Die Mädchen spielten verschiedene Spiele und sangen mit  ihr, lehrten sie alles, was sie selbst wussten. Schneeflöckchen war aber sehr brav: merkte und übernahm alles außerordentlich rasch!

In diesem Winter verwandelte sie sich in ein etwa dreizehnjähriges Mädchen, das alles versteht. Man konnte mit ihr über alles sprechen, dauernd zu hören, weil sie so eine wundeschöne Stimme hat. Und dabei war sie immer freundlich gegenüber Allen und bescheiden! Im Haushalt half Marja bei allen Arbeiten. Und wie süß sie aussah: weiß wie Schnee, die Augen blau, wie die Farbe von Vergissmeinnicht, der Zopf reichte bis zum Gürtel. Sie spielte immer so lustig.  Marja und Iwan waren sehr glücklich, besonders Marja:

"Schau, Iwan!" - pflegte sie zu sagen - "Was für ein Geschenk haben wir von Gott in unserem Alter bekommen! Unser Kummer ist jetzt vorbei!"

Iwan antwortete: "Gott sei Dank! Die Freude ist nicht ewig, der Kummer ist nicht unendlich...!"

Der Winter verging. Die Frühlingssonne blitzte fröhlich am Himmel und wärmte die Erde. Auf den Wiesen erschien schon das erste Gras und die Vögelchen zwitscherten lustig. Schöne Mädchen sammelten sich hinter dem Dorf, sie tanzten und sangen:

"Schöner Frühling! Sag mal, womit bist du gefahren?"

Nur Snegurotschka wurde plötzlich traurig. 

"Was ist denn mit dir, mein Lieblingskind?" - fragte sie oft Marja - "Bist du krank? Warum bist du so traurig?  Hat dich ein schlechter Mensch gekränkt?  Schneeflöckchen antwortete ihr aber jedes Mal: "Es geht mir gut, liebe Großmutter! Ich bin gesund."

Der Frühling hatte schon den letzten Schnee mit den warmen Tagen vertrieben. Die Wiesen und Gärten bedeckten sich mit Blumen.

Die Nachtigall fing an zu singen. Alles war lebendiger und lustiger geworden. Nur das arme Schneeflöckchen suchte einen Schatten, wie ein Maiglöckchen unter dem Baum. Sie war ganz traurig und mied die Freundinnen. Nur das Einzige bereitete ihr Freude, sich in einer kalten Quelle unter einer grünen Weide zu baden. Besonders war sie froh, wenn es oft  regnete. Dann wurde sie lustig.  Eines Tages kamen dicke Wolken und brachten Hagel. Schneeflöckchen war so froh darüber, als ob es Perlen wären. Als der Hagel aber begann unter den Sonnenstrahlen zu tauen, weinte Schneeflöckchen so bitterlich, wie eine Schwester um ihren Bruder.

Der Frühling war schon zu Ende. Die Mädchen vom Dorf wollten in den Wald spazieren gehen. Sie kamen zu Schneeflöckchen und baten Großmutter Marja, ob Schneeflöckchen mit ihnen gehen könnte. Marja aber wollte nicht, dass Schneeflöckchen das Haus verlies. Schneeflöckchen selbst zeigte auch keinen Wunsch, mit ihnen zusammenzugehen. Da überlegte Marja aber: "Vielleicht wird sie dort lustig." Und sie zog Snegurotschka schön an, küsste sie und sagte:

"Geh, mein Kind. Amüsiere dich bisschen mit allen zusammen!"

Dabei sagte sie den Mädchen, dass sie auf Schneeflöckchen aufpassen sollten:

"Seid vorsichtig! Schneeflöckchen ist meine einzige Freude..."

"Gut, gut" - antworteten alle lustig, holten Schneeflöckchen und sie gingen alle zusammen in den Wald. Dort fertigten sie sich Blumenkränze an, machten Blumensträußchen und sangen fröhliche Lieder. Schneeflöckchen war immer mit ihnen zusammen.

Als es aber zu dämmern begann, zündeten die Mädchen ein Feuer aus trockenem Gras und Ästen an. Dann standen sie in einer Reihe und mit dem Lied begannen sie, eine nach der andern, über das Feuer zu springen. Schneeflöckchen war die Letzte in dieser Reihe. Nach und nach sprangen die Mädchen alle, bis sie plötzlich ein klägliches Geräusch hörten:

 "Au!"

Sie schauten sich erschrocken um. Wo war Schneeflöckchen?

"Wahrscheinlich hat sie sich vor uns versteckt" - und sie suchten sie überall. Aber sie war nirgendwo. Die Mädchen riefen. Keiner antwortete.

"Wohin konnte sie verschwinden?" - fragten die Mädchen. "Wahrscheinlich ist sie heim gelaufen" - und gingen ins Dorf, aber Schneeflöckchen war auch nicht dort. Man suchte sie am nächsten Tag , und auch am dritten.

Der ganze Wald wurde durchgesucht, jeder Baum und Strauch. Es war keine Spur von Snegurotschka zu sehen.

Man wusste nicht, dass Snegurotschka während des Sprunges über das Feuer zerschmolzen war. Sie verwandelte sich in ein dünnes Wölkchen und als leichtes Dämpfchen flog sie zu den Wolken in den Himmel. 

Lange, lange weinten Iwan und Marja.  Lange Zeit ging die arme Alte noch in den Wald und suchte nach Schneeflöckchen und rief sie:

"Au, au, Schneeflöckchen! Au, au, meine Liebe..."

Oft schien es, als ob sie als Antwort die Stimme von Snegurotschka hörte:

"Au! Au..."

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Quellen: Langenscheidts Lektüre 55. Moderne russische Erzählungen. 6 Kurzgeschichten

und http://private.addcom.de/maerchen/